Ausbildung zum Hund-Mensch-Team

Die besonderen Wahrnehmungsfähigkeiten eines Hundes können in vielen Situationen Leben retten! Dies ist z.B. auch dann der Fall, wenn epileptische Anfälle vom Hund frühzeitig erkannt und angezeigt werden, und so der Patient oder sein soziales Umfeld die Möglichkeit hat, noch vor oder während des Anfalls schnell und angemessen zu reagieren.

Der ausgeprägte Geruchssinn der Tiere ermöglicht es ihnen, Veränderungen im Stoffwechsel des Menschen zu erkennen, auch solche, die bereits vor einem Anfall stattfinden. Über diese olfaktorischen Fähigkeiten hinaus ist der Hund ein hervorragender Beobachter. Er ist in der Lage, auch minimale Verhaltensveränderungen, einen leicht veränderten Muskeltonus, Veränderungen im Herz-Kreislaufsystem oder andere frühe Hinweise auf einen nahenden Anfall festzustellen.

In der Ausbildung von Epilepsie-Begleithunden machen wir uns nicht nur die geschilderten Fähigkeiten zunutze und lenken sie in die richtigen Bahnen, sondern trainieren zusätzliche Fertigkeiten, die weitere Hilfen für die epilepsiebetroffenen Kinder und ihre Familien darstellen.

Wichtige Aufgaben, die man einem Epilepsie-Begleithund beibringen kann:

• Kontaktliegen neben oder auf dem Kind
• Hund warnt vor oder während eines Anfalls
• Hund hindert das Kind am Weiter- oder Weggehen vor oder während eines Anfalls
• Hund drängt das Kind aus zu wilder Spielsituation
• Hund stellt sich vor das Kind, wenn es umzukippen droht
• Hund erinnert an die Medikamentengabe oder -einnahme
• Hund apportiert die Notfallmedikamente
• Hund nimmt im Anfall zum Kind Kontakt auf und versucht es zu aktivieren
• Hund leckt Gesichts- oder andere Körperpartien des Kindes, um es aus dem Anfall zu holen
• Hund holt Familienangehörige oder Fremde zu Hilfe
• Hund betätigt Notrufknopf im Falle eines Anfalls
• Hund bleibt beim krampfenden Kind und verbellt bis Hilfe kommt
• Hund kann zur Personensuche eingesetzt werden

Ebenso unterschiedlich wie die Form der Krankheit und die Lebenssituationen der Familien mit Kindern, die von Epilepsie betroffen sind, sind zwangsläufig die Anforderungen an den Epilepsie-Begleithund. Dies erfordert individuell abgestimmte Ausbildungen, massgeschneidert auf die jeweiligen Bedürfnisse und die Lebenssituationen. Manchmal reichen kleine Hilfeleistungen, um den Alltag einer Familie zu entlasten. So mag es z.B. schon ausreichen, dass der Hund die Eltern eines kranken Kindes im Falle eines Anfalls alarmiert. In anderen Fällen wird der Hund das ältere Schulkind oder den Jugendlichen im Alltag begleiten, vor dem Anfall warnen und auf vielfältige Weise schützende Massnahmen ergreifen.

Hunde, die eine enge Bindung an ihre Menschen haben, entwickeln oft eigenständig Verhaltensweisen, welche drohende Gefahren signalisieren. Aufgabe des Trainers ist es, die Menschen im Umfeld des Hundes so zu trainieren, dass diese Signale wahrgenommen und richtig eingeordnet werden. Die Vermittlung theoretischen Wissens ist hierzu ebenso erforderlich, wie das praktische Beobachtungstraining. Theorie- und Praxisseminare ergänzen die Arbeit mit den Familien im heimischen Bereich. Insbesondere bei Erkrankungen mit häufig wechselnden Anfallsformen ist es erforderlich, die Teams sehr engmaschig zu betreuen und das Training ständig den neuen Erfordernissen anzupassen.

Wünschenswert und bewährt ist die Eingliederung des zukünftigen Epilepsie-Begleithundes bereits im Welpenalter in sein neues soziales Umfeld. Durch die intensive Arbeit der Familie mit dem Hund entstehen Bindung, Vertrauen und gegenseitige Achtung. Alle Beteiligten wachsen langsam, vom Trainer begleitet, in die neue Lebenssituation hinein. Sie lernen, einander zu beobachten und zu verstehen. Eine fachlich fundierte und empathische Grunderziehung des Welpen und Junghundes ist Voraussetzung für ein unkompliziertes Miteinander im Alltag. Unqualifizierte Härten in der Erziehung würden das Vertrauen zum Menschen und die Fähigkeit des Hundes zu eigenständigem, helfenden Handeln zerstören.

Der Zeitplan für die Erarbeitung besonderer Hilfeleistungen richtet sich nach der Entwicklung, der physischen und psychischen Konstitution des Hundes und natürlich nach den aktuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Familien. Die Ausbildung erstreckt sich über 2-4 Jahre. Eine Garantie für das Erreichen der Ausbildungsziele und eine dauerhafte optimale Zusammenarbeit zwischen Mensch und Hund kann es selbstverständlich nicht geben, da die Arbeit mit Mensch und Tier viel Unkalkulierbares birgt. Voraussetzung für das Gelingen der gemeinsamen Arbeit ist zunächst das Engagement der Familien, die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Trainern und natürlich die grundsätzliche Eignung des Hundes.

Für die Eignung eines Hundes für diese anspruchsvolle Arbeit sind folgende Voraussetzungen unverzichtbar:

• Optimale Sozialisierung
• Freundliche Grundstimmung und Vertrauen gegenüber Menschen
• Grosses Interesse am Menschen
• Hohe Kooperationsbereitschaft
• Soziale Kompetenz
• Angemessene Sensibilität
• Hohe Reizschwelle (sehr geringes Aggressionspotential!)
• Optimale Umweltgewöhnung
• Geringe Stressanfälligkeit
• Sicherheit und Gelassenheit in allen Alltagssituationen
• Sicherheit gegenüber optischen und akustischen Reizquellen und Schussfestigkeit (Knallgeräusche)
• Ausgeprägte Frustrationstoleranz
• Verträglichkeit im Umgang mit Artgenossen
• Gelassenheit gegenüber anderen Tieren

Diese Voraussetzungen sind teilweise bereits durch Zuchtauswahl und optimale Aufzucht beim Züchter gegeben. Die Arbeit des Züchters muss jedoch von Anfang an im neuen Zuhause fortgesetzt werden. Ein umfassendes theoretisches Wissen der Hundeführer bezüglich sozialer Kommunikation und Körpersprache des Hundes sowie rassespezifischer Veranlagungen und Bedürfnisse der vierbeinigen Helfer ist Grundvoraussetzung dafür!

Die Achtung vor dem Tier und seinen Fähigkeiten, die wir nutzen dürfen, um unser Leben und das der Kinder zu erleichtern, gebietet es, ihm respektvoll zu begegnen und achtsam dafür Sorge zu tragen, dass auch die Bedürfnisse des Tieres in angemessener Form berücksichtigt werden! Nur ein Hund, der sich in seiner Umgebung wohl fühlt, der Vertrauen zu seinen Menschen hat und neben seinem verantwortungsvollen und höchst anstrengenden Beruf auch Freizeit haben und schlicht Hund sein darf, kann gut und zuverlässig arbeiten!
Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, "Fertigprodukte" zu liefern, die auf Knopfdruck funktionieren! Wir begleiten Familien mit epilepsiebetroffenen Kindern aber gerne auf ihrem ganz individuellen Weg zum Mensch-Hund-Team. 

Copyright by: Manuela van Schewick, www.hundeschule-meckenheim.de